Take action

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Welchen Beitrag können Designerinnen und Designer leisten, wenn sie ihre Rolle in der Gesellschaft aktiv nutzen, um auf die Herausforderungen der Gegenwart zu antworten? Karin Seiler, Dozentin für Scientific Visualization und Antonio Scarponi, Architekt und Designer aus Zürich, haben im Rahmen eines vierwöchtigen Moduls der ZHdK Studierende verschiedener Fachrichtungen an diese Frage herangeführt. Dabei setzten die Studentinnen und Studenten ihre Fähigkeiten und die dem Design eigenen Methoden ein, um einen Beitrag zu leisten, den Alltag von Flüchtlingen ein kleines Stück zu verbessern.

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Seit Januar 2016 wird die Messehalle 9 in Zürich-Oerlikon als Übergangszentrum zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt. Für rund 250 Menschen, hauptsächlich Familien mit Kindern und junge Männer aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Irak, bietet die Zwischennutzung der Halle eine temporäre Unterkunft. Damit in der zweistöckigen und 3’900 m2 grossen Halle die Bewohnerinnen und Bewohner trotzdem etwas Privatsphäre haben, wurden 62 auf Holz-Fundamente gebaute Häuschen aus Pressspanplatten erstellt – die Medien berichteten Ende letzten Jahres ausführlich über dieses Projekt und wie die Behörden versuchen, den Grundbedürfnissen dieser Menschen Rechnung zu tragen.

Im April fand an der ZHdK ein vierwöchiges, interdisziplinäres Unterrichtsmodul statt. Sozialen Fragestellungen mit Designideen zu begegnen und die direkte und konkrete Aktion «vor der eigenen Tür, mitunter jenseits der Komfortzone des eigenen Arbeitstisches» zu ermöglichen, lautete das übergeordnete Ziel. Für die am Modul beteiligte Dozentin Karin Seiler war bei der Vorbereitung ihres Teilprojektes rasch klar, dass sie auf der Grundlage dieses Themas die Studierenden jener Herausforderungen gegenüber stellen möchte, die sie als «omnipräsent» bezeichnet: Der Flüchtlingskrise.

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Zwar hätte die Asyl Organisation Zürich (AOZ), eine selbstständige, öffentlich-rechtliche Anstalt der Stadt Zürich, anfänglich Bedenken geäussert, sich auf eine derart gelagerte Projektidee einzulassen. «Doch die Angst vor dem Betroffenheitstourismus und Mehraufwand wich bereits beim ersten Gespräch gegenseitigem Vertrauen», sagt Karin Seiler. Denn die temporäre Nutzung der Halle erschien den Zuständigen bei der AOZ rasch als geeignete Ausgangslage für die Design-Intervention «Hic et nunc» (lateinisch für «Hier und jetzt»), dank der die Studierenden ihre gesellschaftliche Verantwortung als «offene und eigenverantwortliche Designer» beüben sollen.

Im Gespräch versuchten die Studierenden, die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner in Erfahrung zu bringen – allen sprachlichen Schwierigkeiten zum Trotz. Dennoch – oder gerade deshalb – zeichneten sich nach kurzer Zeit Themenfelder ab, auf denen die Designstudierenden ihre Beiträge entwickeln konnten. Aus dem kommunikativen Bedürfnis der Flüchtlinge heraus, möglichst schnell Deutsch zu lernen, entstand beispielsweise die Idee, die deutschen Bezeichnungen von Gegenständen als begehbares Wörterbuch zu inszenieren.

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Auch das Projekt «Stadtdschungel» hat seinen Ursprung in der Vermittlung von Information, denn die Orientierung am neuen Ort ist für Flüchtlinge von zentraler Bedeutung, da sie ihnen in kleinsten Schritten den Weg in die neue Gesellschaft weist. Doch die herkömmlichen Stadtpläne richten sich an das falsche Zielpublikum; an Touristen nämlich. Eine adaptierte Orientierungshilfe bietet nun der neue und interaktive Stadtplan. Dank magnetischer Farbe können die Bewohnerinnen und Bewohner des Zentrums neue Orientierungspunkte selber vermerken und anderen weitergeben – in Ergänzung zu den kartografierten Fixpunkten wie Sprachschulen, Gotteshäuser, Einkaufsmöglichkeiten, etc.

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Seit Ende April ist das interdisziplinäre Modul abgeschlossen, die in der Messehalle greif- und sichtbaren Interventionen nehmen die Initianten zum Anlass, das nach Möglichkeiten weiter zu entwickeln. Anlass geben ihnen nicht alleine die Verbesserungen zugunsten von Flüchtlingen, sondern der Beweis, dass Design als Ausdruck eines Werte- und Denksystems im Kontext der Flüchtlingskrise einen unaufdringlichen aber nicht minder wichtigen Beitrag zur kulturellen Verständnisbrücke leisten kann.

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moebelschweiz

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