Die Highlights der London Design Biennale by Damian Fopp

Text: Damian Fopp  20.9

Der Designer Damian Fopp macht in London am Royal College of Art den Master in Industriedesign. Wir baten ihn, die Design Biennale im Somerset House zu besuchen und uns die spannendsten Installationen zu zeigen.

Zum ersten Mal findet in diesen Tagen die London Design Biennale statt, sie ist der Auftakt zur jährlich stattfindenden London Design Week. Während an der grossen Schwestermesse diverse Aussteller neue Produkte präsentieren, hat die Biennale 37 Nationen eingeladen, sich mit dem Thema «Utopia by Design» zu befassen. Das Thema ist auf das fünfhundertjährige Jubiläum des Textes «Utopia» von Thomas More zurückzuführen, der mit fiktionalen Schilderungen einer fernen idealen Inselgesellschaft das Genre der Sozialutopie begründet hatte. Im palastähnlichen Somerset House zeigen Vertreter der eingeladenen Länder ihre Installationen und Skulpturen zum Thema. Nachfolgend eine Selektion der sehenswertesten Installationen.

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Mit einer poetischen Lichtinstallation lädt Österreich zum Verweilen ein. Sanft glühende, übergrosse Wattestäbchen hängen balancierend von der Decke als raumfüllendes Mobile. Der leichteste Lufthauch der eintretenden Besucher bringt es in Bewegung, die Leuchten wippen leicht und… erlischen! Erst als sich das Konstrukt wieder in absoluter Balance einfindet, glimmen einzelne Lichtlein wieder auf. Es scheint unmöglich, sie alle im Gleichgewicht zu halten und spätestens hier wird die Aussage Österreichs klar: Utopia ist ein unerreichbarer Balanceakt, funktioniert am besten in Theorie und der Realität ausgesetzt leidet er zumeist.

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Australien hat sich einem zulänglich bekannten Problem angenommen: Plastikmüll in den Weltmeeren. Das utopische Material der Sechsziger und Siebziger hat sich längst in eine wahre Dystopie gewandelt. Während hier bestimmt kein Neuland betreten wurde, kann aber ein weiterer Appell nicht schaden und Australien glänzt mit einer tollen Antwort auf den Missstand. Plastikmüll wurde aus dem Meer gefischt und in ein neues Terrazzo-ähnliches Material verwandelt, welches als farbige Tischplatte die Besucher fasziniert. Ein gelungenes Upcycling.

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Die Präsenz der Schweiz widmet sich ganz der Innovation. Sieben Gestalter haben mit wiederum sieben Produzenten von Halbfabrikaten zusammengespannt. Unter anderem werden flexible Leuchten- und Textilentwürfe präsentiert, die uns in zunehmend unkonstanten Wohnsituationen gute Dienste leisten werden. Dieser Effort wurde von der Biennale Jury mit der «Jaguar Innovation Medal» ausgezeichnet.

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Im deutschen Doppelzimmer wird heftig mit Kontrasten gespielt. In einem gleissend weissen Raum werden die Beobachter mit einem Ölgemälde aus dem 18ten Jahrhundert konfrontiert. Eine abgebildete Fischerfamilie wärmt sich um ein loderndes Feuer, die raue See im Hintergrund brodelt bedrohlich. Im angrenzenden Raum wird diese Szenerie in die Moderne transportiert. Der stockdunkle Raum wird dominiert durch einen mannshohen LED Screen, ein digitales Feuer flackert über die einzelnen Lichtpunkte und drei Liegesessel laden ein zum Niedersitzen. Die Installation weist auf ein womöglich urmenschliches Verlangen nach Wärme und Geborgenheit hin und lädt ein, dieser ominösen Kaminfeuer-DVD doch einen gewissen Wert anzuerkennen.

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Polen konfrontiert die Besucher mit einem interaktiven Spiel und will die Subjektivität des Begriffs «Utopia» aufzeigen. Das Bewusstwerden des eigenen Utopias und der Reise dorthin sei spannender als die unerreichbare Destination selbst. Augenzwinkernde Fragen erlauben einen spielerischen Umgang mit gewichtigen Themen, wie der zunehmenden Integration von Technologie in den eigenen vier Wänden: «Do you bring your heartbroken dishwasher to the plumber or to the shrink? »

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Auch im Aussenbereich sind mehrere Länder vertreten. Grossbritannien etwa präsentiert im Hof des Somerset House eine unübersehbare kinetische Skulptur, die sich mit dem Wind bewegt und dreht. Die Beherrschung des Windes hat das Empire früher zu fremden Ländern und Reichtum geschifft und wir können hoffen, dass der Wind eine ebenso wichtige Rolle in der zukünftigen Energiepolitik des Landes einnehmen wird.

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Auf der südlichen Aussenterrasse widmet Libanon ihren ausgezeichneten Pavillon ganz dem Zusammenleben auf den Strassen Beiruts. Wohnzimmer mit weichen Sitzecken und flirrenden Fernsehern öffnen sich direkt hin zu kleinen Gässchen und Durchgängen, wo libanesische Gerichte und Getränke feilgeboten werden. Ein spannender Gegensatz zu der westlichen Idee der Wohnung als zumeist privater und abgeschlossener Raum des Rückzugs.

Wirr von den vielen präsentierten Ideen, Ansichten und Utopien können sich die Besucher schliesslich Falafel und dem Ausblick über die Themse auf das dunstige Südlondon widmen. Werden einige der hier gezeigten Utopien jemals Wirklichkeit werden? Maybe, maybe not. Jedenfalls ist es sicherlich nicht verkehrt, kurz innezuhalten, seine persönliche Insel Utopia zu lokalisieren und anzusteuern. Gute Reise!

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Damian Fopp

Seit einem Jahr lebe ich in London und mache am Royal College of Art meinen Master in Industriedesign. Zuvor hatte ich an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK 2012 den Bachlor erlangt und danach für diverse Designer/-innen wie das Duo Küng/Caputo oder das Designstudio Greutmann Bolzern gearbeitet. Eines meiner Projekte wurde für den Eidgenössischen Designpreis nominiert: Die Fruchtschalen, die in ihrer Form den Swimmingpools von Prominenten nachempfunden sind.

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