Schweizer Design ist Kultur und widerspiegelt den Charakter des Landes, in dem es entsteht. Stücke wie der Landistuhl von Hans Coray erzählen genauso davon wie der «Ess.Tee.Tisch» von Jürg Bally oder Max Bills «Kreuzzargenstuhl». Auch die Werke weniger bekannter Entwurfskünstler wie Klaus Vogt, Alfred Altherr Junior oder Hans Eichenberger gehören zum gestalterischen Erbe des Landes und verraten eine Menge über unsere Geschichte. Erst recht gilt dies für Neuheiten, die aktuell im Hinblick auf die Wohnzukunft in unserem Land «swiss made» entstehen. Denn aller Globalisierung zum Trotz darf unser Land neben einer charakteristischen Designkultur auch stolz sein auf eine funktionierende Industrie, welche die Ideen der Designer umzusetzen in der Lage ist. Im Spannungsfeld zwischen dem theatralischen Einrichtungsstil Italiens und der nüchtern-warmen Holz-Ästhetik des Nordens nimmt Schweizer Design seine ganz eigene Position ein. Sieht man sich die Schöpfungen der Formgeber über die letzten 100 Jahre hinweg an, wird eine spannende Geschichte lesbar: Sie erzählt von der Entwicklung eines Bauernlandes zu einer Nation von Vielarbeitern, getrieben von Ehrgeiz und Freude an der Präzision. Die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts waren die Epoche, in der Möbel erstmals maschinell in grossen Serien gefertigt wurden. Das Handwerk war vorerst am Ende seiner Entwicklung angelangt: Die Industrialisierung hatte dafür gesorgt, dass immer mehr Menschen in Wohnungen leben konnten und Möbel benötigten, die sie mangels Zeit und Ausbildung keinesfalls selbst herstellten konnten. Natürlich war es keine Option, die Formensprache des Biedermeiers oder des Jugendstils – betont handwerkliche Stile, die sich an eine reiche Oberschicht richteten – industriell herzustellen. Im Zeichen der Suche nach den neuen Bedürfnissen entsprechenden Formen – gleichzeitig mit einem demokratischen Aufbruch in der Zwischenkriegszeit – entstanden in Deutschland das Bauhaus und in der Schweiz der Werkbund. Damals wurde die These entwickelt, dass ein Entwurf umso vollendeter sei, je weniger «Überflüssiges» an ihm zu entdecken ist. Die Vorreiter dieses Reduktionsgedankens lehrten am Bauhaus in Deutschland; unter ihnen war der Basler Architekt Hannes Meyer einer der wichtigsten Denker. Der Wiener Architekt Adolf Loos leistete ebenfalls einen entscheidenden Beitrag mit seiner These, dass der zivilisatorische Prozess das Verschwinden jeglichen Ornaments mit sich bringe. Ein Geschäft in Zürich, gegründet von Max Ernst Haefeli (Architekt), Sigried Giedion (Soziologe) und Rudolf Graber avancierte zur selbst deklarierten «Zentralstelle für zeitgemässen Wohnbedarf». Das Domizil dieses bis heute existierenden «Wohnbedarfs» war von Marcel Breuer (legendär geworden mit dem «Freischwinger»-Stuhl) entworfen und bot ein Sortiment von «billigen Typenmöbeln in Stahlrohr und Holz» an. Viele der damals entstandenen Entwürfe sind bis heute auf dem Markt, zu Klassikern geadelt, an denen nichts mehr an eine Vergangenheit als «billiges Typenmöbel» erinnert. Die damals wichtigen Schweizer Designer hatten eine prägende handwerkliche Ausbildung, bei der man lernt, wie mit Material umzugehen ist – und wer genau hinsieht, merkt: Dies ist auch heute noch viel mehr der Fall als in anderen Design-Nationen wie zum Beispiel Holland, wo akademischer entworfen wird und kaum industrielle Cluster zur Umsetzung neuer Kreationen zur Verfügung stehen. Der karge, sparsame Ausdruck der Schweizer Möbel sei «dem Materialverständnis des Handwerkers zuzuschreiben», sagt der wegweisende Designer und Autor Alfred Hablützel, der die Schweizer Formgebungskultur über Jahrzehnte hinweg begleitet hat. Gutes Schweizer Design ist niemals oberflächliches Styling, sondern macht eine Aussage über das «Terroir», auf dem es gediehen ist: Der Kunsthistoriker Stanislaus von Moos schreibt im Standardwerk «Schweizer Möbel und Interieurs des 20. Jahrhunderts» von der «puritanischen Erbmasse des Landes» und hält in seiner Einleitung zum Buch fest, dass die funktionale, reduzierte Ausstrahlung von Schweizer Design bis heute etwas mit dem Heimweh nach einer bäuerlichen Unschuld zu tun hat. Schwarzes Leder und Stahlrohr widerlegen diese These nicht, sondern sind im Sinn der Dialektik sogar Beweis dafür: Auch die «gestalterische Gegenposition zum Chalet unterliegt der Logik des Heimwehs», schreibt von Moos später im gleichen Text. Schweizer Design hat eine Vergangenheit und soll eine Zukunft haben – in kreativer wie in industrieller Hinsicht. «Création Suisse» als Branchenorganisation will mithelfen, dafür zu sorgen.

Hans Georg Hildebrandt war von 2008 bis heute für unterschiedliche Medien als freier Autor mit Spezialgebiet Design tätig. Hildebrandt schaffte sich in den Achtzigerjahren mit dem ersten als Schreiber verdienten Geld eine «Lifto» von Benjamin Thut für Belux an.
Er arbeitet und lebt mit seiner Familie in Zürich.

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